Bundesweiter Messie-Fachtag auf der Karlshöhe: Ursachen verstehen, Betroffene unterstützen

 

Was geschieht, wenn ein Mensch an einen Punkt gelangt, an dem ihn der Alltag überfordert und selbst einfache Aufgaben wie das Aufräumen der eigenen Wohnung nicht mehr bewältigt werden können? Wenn sich mit der Zeit eine kaum überschaubare Menge an Gegenständen ansammelt, die schließlich große Teile des Wohnraums einnimmt? All diese Zustände fallen unter den Sammelbegriff des Messie-Syndroms. Doch sind sie in ihrer Herkunft und Entstehung klar voneinander zu unterscheiden. Welche Unterschiede es gibt und wie die Krankheitsbilder nach dem neuen ICD-11* definiert sind, erklärt Veronika Schröter in ihrem Vortrag beim zweiten bundesweiten Messie-Fachtag am 05. März auf der Karlshöhe Ludwigsburg.

Das Foto zeigt das Messi-Team der Karlshöhe fröhlich aus dem Fenster schauen.

Gut besucht: Die Karlshöher Kirche ist an diesem Tag voll besetzt. 

*ICD

Der ICD ist die weltweit verwendete Klassifikation für Krankheiten. Die Abkürzung steht für „International Classification of Diseases“. Herausgegeben wird sie von der World Health Organization (WHO). Ärzte, Krankenhäuser, Krankenkassen und Forschungseinrichtungen nutzen sie, um Krankheiten einheitlich zu benennen, zu diagnostizieren und statistisch zu erfassen.

Die Karlshöhe ist schon seit über 20 Jahren im Bereich der Messie-Arbeit tätig. Ins Leben gerufen wurde diese Arbeit durch die damalige Bereichsleiterin Uschi Eberwein. „Ich bin froh, dass die Messie-Arbeit auf der Karlshöhe auch heute noch so professionell angegangen wird“, betont sie in ihrem Grußwort. Auch der theologisch-diakonische Vorstand Dr. Dörte Bester steht voll und ganz hinter dem Angebot: „Sie sehen in Ihrer Arbeit nicht nur das Chaos, das in den Wohnungen herrscht, sondern den Menschen, der seinen Halt und seine Struktur verloren hat.“

Insgesamt elf Mitarbeiter*innen arbeiten im Karlshöher Messie-Team und sind beim heutigen Fachtag anwesend. Die Mitarbeitenden arbeiten eng mit den Betroffenen zusammen, indem sie gemeinsam mit ihnen Wohnflächen räumen, Gegenstände sortieren und ausmisten. Dabei steht die Selbstbestimmung der Betroffenen im Mittelpunkt: Sie entscheiden, wovon sie sich trennen und was sie behalten möchten. Die Begegnung findet stets auf Augenhöhe statt, da die Mitarbeitenden als Gäste in den Wohnungen der Betroffenen agieren.

Veronika Schröter bei ihrem Vortrag am zweiten bundesweiten Messie-Fachtag.

Wichtig ist, dass kein Fall dem anderen gleicht. Das betont auch Veronika Schröter in ihrem Vortrag. Sie leitet seit 2016 das Messie-Kompetenzzentrum in Stuttgart. Heute weiß man, dass es drei verschiedene Ausprägungsformen des Messie-Syndroms gibt: das pathologische Horten, das oftmals Ergebnis einer Bindungstraumafolgestörung ist, das Vermüllungssyndrom, das oft durch Suchterkrankungen entsteht, und das Verwahrlosungssyndrom, das bei Menschen auftritt, die unter einem kompletten Bedeutungs- und Sinnverlust ihrer eigenen Existenz leiden.

Alle drei Formen müssen unterschiedlich behandelt und begleitet werden. Das pathologische Horten kann beispielsweise als Begleiterscheinung von ADHS auftreten. Das weiß Dr. med. Hans Peter Medwed nur zu gut. Der Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie hat eine eigene Praxis in Stuttgart und hält ebenfalls einen Fachvortrag. ADHS gilt als eine chronische Störung und ist angeboren. Ca. 60 Prozent der Kinder, die mit ADHS diagnostiziert wurden, weisen auch noch im Erwachsenenalter Symptome auf. Es handelt sich dabei nicht um eine Krankheit, die man heilen kann, sondern um einen Teil der Persönlichkeit, den man akzeptieren muss. Etwa 20 Prozent der „ADHSler“ leiden laut Medwed am pathologischen Horten. Grund hierfür ist oft die Überforderung beim Aufräumen oder die Schwierigkeit, mit Dingen zu beginnen.

Zwischendrin wurde das Programm vom Theater Q-rage aufgelockert.

Tiefergehende Einblicke in das Thema ADHS gibt Dr. Hans Peter Medwed am Nachmittag in einem von insgesamt sieben verschiedenen Workshops, an denen die Besucher*innen teilnehmen können. Neben einem interaktiven Rundgang über das Gelände der Karlshöhe und einem Workshop zu mietrechtlichen Aspekten bieten die anderen Workshops vor allem Einblicke in die praktische Arbeit mit Betroffenen. Damit die Teilnehmenden gut über den Tag kommen, lädt die Karlshöher Hauswirtschaft als Willkommensgruß am Morgen zu einem Brezelfrühstück ein. Zum Mittagessen ermöglicht sie den Gästen aus ganz Deutschland mit Maultaschen und Kartoffelsalat einen Einblick in die schwäbische Küche und verwöhnt sie am Nachmittag mit Kaffee und einer Kuchenauswahl.

Hans-Jörg Brekle, Leiter der Karlshöher Angebote für Menschen mit psychischen und sozialen Schwierigkeiten, zieht eine positive Bilanz: „Ich freue mich sehr, dass der zweite bundesweite Messie-Fachtag so viel Anklang findet, und bin bereits gespannt, wann und wo der nächste Messie-Fachtag stattfinden wird.“

Dr. med. Hans Peter Medwed bei seinem Workshop am Nachmittag

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