Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen…
Es fühlt sich noch wie gestern an, 50 Jahre Kantorei der Karlshöhe. 2021 standen wir mit FFP2-Masken im Gesicht auf den Podesten der Friedenskirche und schmetterten einen ziemlich amtlichen Lobgesang zu unserem eigenen, 50-jährigen Jubiläum in diese wunderbare Kirche. Schön für uns ist, dass wir genaugenommen alle fünf Jahre ein rundes Jubiläum feiern dürfen, im Wechsel nämlich mit der Karlshöhe selbst, zwischen deren Gründung und der Gründung der Kantorei liegen genau 95 Jahre. Doch dieses Jahr ist guter Rat teuer, haben wir doch in den letzten fünfzehn Jahren die großen Jubiläums-„Schlager“ ordentlich verbraten. Darunter eben jene Mendelssohn’sche Symphonie-Kantate „Lobgesang“, aber auch Händels „Messiah“, Haydns „Schöpfung“, Mozarts „Messe in c-Moll“, Bachs h-Moll-Messe und wieder Mendelssohn mit seinem „Elias“ zu vorausgegangenen Jubiläen.
Woher also gute Ideen nehmen, wenn alles Pulver schon verschossen ist? Denn, da sind wir uns einig, die genannten Komponisten gehören allesamt zur DNA unserer Kantorei. Es ist die Faszination und die Freude an jener Musik, jenen Komponisten und ihrer Werke, die uns motiviert, jeden Dienstag auf das geliebte Sofa zu verzichten und auf die Karlshöhe zur Chorprobe zu kommen. Und da bot es sich an, Mendelssohns episches Oratorium „Paulus“ wieder mal in Angriff zu nehmen. Das Oratorium erzählt von der frühen Christenheit, dem Schicksal des Stephanus und dann natürlich in der Hauptsache von Paulus, seinem Damaskus-Erlebnis und den Reisen des rastlosen Apostels. „Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass der Geist Gottes in Euch wohnet?“ das predigt Paulus den Einwohnern Lystras. Und er predigt es bis heute. Es ist die Voraussetzung für jenes Doppelgebot der Liebe, das die Karlshöhe bis heute, 150 Jahre nach ihrer Gründung, lebt und pflegt. Mache dich auf, werde Licht!
Die Kantorei der Karlshöhe bricht auch im 55. Jahr ihres Bestehens nicht mit der Tradition, das Jahresfest in der Kirche der Karlshöhe mit einem Kantatengottesdienst zu beschließen. In diesem Jahr und anlässlich des Jubiläums natürlich mit Pauken und Trompeten und dem großen, ambrosianischen Hymnus „Te Deum laudamus“, dieses Jahr in der Fassung von Joseph Haydn, der mit seinem „Te Deum“ zu Ehren Maria-Theresias eine Miniatur-Preziose geschaffen hat, deren musikalischer Gehalt an die „Schöpfung“ erinnert, aber eben von zwei Stunden auf zehn Minuten komprimiert. Dazu (wenn man die Trompeten schonmal da hat) allerfestlichste Musik aus Bach-Kantaten und gepflegter Chorgesang.
Im November geht es dann wirklich „back to the roots“ mit einem Werk, das ergreifender und wärmender nicht sein könnte: den „Musicalischen Exequien“ Heinrich Schützens. Die „Exequien“ waren eines der ersten Werke, die die Kantorei in den 1970er-Jahren aufgeführt hat. Wenngleich es vom Anlass her eine Funeralkomposition ist und bleibt, ist es doch keine Trauermusik, sondern ein Lied von Zuversicht, vom Vertrauen und vom Leben. Tröstlich, bewegend und zum Weinen schön. Und mitten in die Synthese franko-flämischer Vokalpolyphonie, italienischem Madrigalismus und venezianischer Mehrchörigkeit, da steht der Lobgesang des alten, blinden Simeon: „Herr, nun lässest Du deinen Diener im Frieden Fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast für allen Völkern. Ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volks Israel.“
Das ist für uns Mittelpunkt des Jubiläumsjahres und Fokus der Kantorei, die es mit Paulus hält: sich aufmachen, Licht werden, heilen, helfen, singen und sagen von Gott und den Menschen.
Terminübersicht:
10.05.2026 | 16.00 Uhr | Kirche der Karlshöhe
KANTATENGOTTESDIENST ZUM JAHRESFEST
28.06.2026 | 17.00 Uhr | Friedenskirche Ludwigsburg
Felix Mendelssohn-Bartholdy PAULUS
8.11.2026 | 17.00 Uhr | Kirche der Karlshöhe
Heinrich Schütz: Musicalische Exequien
